Auf dem Weg zur NBU…

15. August 2010

Für die meisten Beobachter in Fußball-Deutschland beginnt die Geschichte des SC Freiburg im Jahr 1991, als sich ein unbekannter Trainer – ein Jahr zuvor mit dem Dorfverein aus Havelse in die 2. Bundesliga aufgestiegen – anschickt sich in die endlos scheinende Reihe der Jörg Bergers, Eckhard Kautzuns und Lorenz Günter Köstners – insgesamt 18 Trainer in bis dato 19 Jahren Präsidentschaft Achim Stockers – einzureihen. Niemand, nicht einmal die damals einzigen Fanclubs „Adler“ oder „Ortenau 90“ hätten zu Träumen gewagt, dass die mit diesem Trainer die erfolgreichsten Jahre der heute über hundertjährigen Vereinsgeschichte bevorstünden. Drei Aufstiege – insgesamt zehn Jahre Bundesliga – 8 Spiele im UEFA-Cup und am Ende eine tief verstrittene und in sich gespaltene Fanszene.

Wir schreiben das Jahr 1991. Deutschland ist im Jahr zuvor gerade Fußball-Weltmeister geworden, der SC Freiburg – bereits die Nr. 1 der Stadt, vor dem längst abgestiegenen deutschen Meister von 1907 FFC – spielt irgendwo zwischen gut und Böse im Niemandsland der 2. Bundesliga. Die Zuschauerszene ist überschaubar. Die wenigen Fans sammeln sich auf einer etwa fünfstufigen Stehplatztribüne an der Dreisamuferseite des Stadions. Nichts konnte diese Besinnlichkeit trüben, diese Lethargie beenden. Weder das Gegröle aus der Kurve, das man nicht wirklich als Stimmung bezeichnen kann, die in jener Zeit sehr aktiven Freunde der 3. Halbzeit, noch die Trainer Neuverpflichtung, irgendein Oberstudienrat aus dem Norden, sorgen für Aufregung.

Aber dann legt der SCF in der zweigeteilten Bundesliga einen Klasse Saison Start hin. Spielt in der Gruppe Süd die „neuen“ Traditionsteams aus dem Osten Chemnitz, Jena, Halle, Erfurt – und alte Bekannte, Mannheim (damals Fanfreundschaft), Saarbrücken, Homburg – allesamt an die Wand. Der Zuschauerzuspruch wächst langsam aber stetig und man steht vor der Winterpause– nach einem 1:0 Sieg,  Treffer in der 95. Minute – auf Platz 1 der Tabelle. Der Torschrei soll damals vom Höllentäler- Wind durch die ganze Stadt getragen worden sein. Leider fehlt es der jungen Mannschaft am Ende der Saison noch an Konstanz und man muss dem 1. FC Saarbrücken den Vortritt in die 1. Liga lassen.

Wer nun gedacht hätte, diese Saison wäre ein einmaliger Ausrutscher gewesen, sollte sich täuschen. Es kam alles noch besser: Mit über 100 geschossenen Toren steigen die Breisgaubrasilianer im Folgejahr in die Bundesliga auf. Nun gibt es kein Halten mehr. Die Zuschauer strömen in Scharen. Die Eintrittskarten werden zur begehrtesten Währung der Stadt. Wer eine Dauerkarte hat, ist wer und wer eine der wenigen frei verfügbaren Tickets haben will, muss mit Liegestuhl vor der Geschäftsstelle übernachten, die zu jener Zeit von einem Rentner in Eigenregie geführt wird.

Freiburg sorgt für Furore. Eine junge unbekümmerte Mannschaft, die ansehnlichen Kombinationsfußball spielt, Bayern und Dortmund im „Hexenkessel“ Dreisamstadion keine Chance lässt. Der SC mischt die Liga auf. Passend dazu ein Trainer mit Brilli im Ohr und seinen selbst gedrehten Zigarillos, ein Präsident, der die Spiele (aus Angst um seine Gesundheit) am Videotext verfolgt und ein intellektuelles, alternatives  Studentenpublikum, das so bunt und anders ist, als es die Fußballszene je gesehen hat. Kurz um: Freiburg ist ein anderer Verein!

Das Ende der Saison: Freiburg steht mit dem Rücken an der Wand, vier Punkte Rückstand (bei 2-Punkte-Regel) zum rettenden Ufer bei drei verbleibenden Saisonspielen. Der DFB hat sich gegen Freiburg verschworen. So propagieren es Finke und Stocker öffentlich, da sie nach dem Phantomtor beim Spiel Bayern-Nürnberg Wettbewerbsverzerrung befürchten. Nürnberg ist direkter Konkurrent. Die Spielwiederholung wird auf einen Termin nach dem erwarteten vorzeitigen Gewinn der Meisterschaft der Bayern angesetzt. Somit ist es wohl nur als Trotzreaktion zu verstehen, dass über 20.000 Freiburger an jenem verregneten Samstag im April nach Stuttgart fahren, um den Traum von der Bundesliga zu begraben. Doch Totgesagte leben bekanntlich länger, was auch der VfB schmerzhaft erfahren muss. Der SCF siegt mit 4:0 – der höchste Auswärtssieg in seiner Bundesligageschichte. Eine Woche später hält Rudolfo Cardoso mit einem Tor kurz vor Schluss gegen bereits abgestiegene Leipziger die Hoffnungen am Leben – nur noch zwei Punkte Rückstand auf Nürnberg.

Nun steht diese Stadt zum ersten und einzigen Mal geschlossen hinter den Bayern. Der Nobelklub aus München gibt sich keine Blöße und schickt Nürnberg mit 5:0 nach Hause. Damit geht Freiburg nun sogar mit besserem Torverhältnis ins Saisonfinale. Wieder machen sich Tausende auf zu einem Auswärtsspiel. Massen die heute für Freiburger Verhältnisse unvorstellbar sind. Diesmal nach Duisburg. Und die Sensation wird wahr. Die „Freunde“ aus Dortmund (neue Fanfreundschaft in anfänglichen Erstligazeiten) düpieren Nürnberg und Freiburg gewinnt in Duisburg 2:0.

Und der Traum nimmt kein Ende. Angetrieben durch einen Weltklasse spielenden Rudolfo Cardoso spielt sich Freiburg im folgenden Jahr bis in den UEFA-Cup. Ein Jahr, in dem man nicht nur die Bayern mit 5:1 zurück an die Isar schickt, sondern sie auch in der Abschlusstabelle hinter sich lässt. Die Sympathiebekundungen für den Verein und seinen (immer noch) renitenten Trainer, der so alles in Frage stellt, was im Fußball bislang als richtig angesehen wurde, kennen keine Grenzen.

Der Verein geht den nächsten Schritt. Investiert ganz nach Stockers und Finkes Philosophie in Steine statt in Beine, und sieht sich in jenem Herbst, zum ersten Mal wieder auf den Boden des Fußballgeschäfts zurück geholt. Bereits ausgeschieden gegen Slavia Prag im UEFA-Cup findet man sich auf dem letzten Tabellenplatz wieder. Zum ersten Mal wird der SC seiner Linie untreu und holt gestandene Spieler. Mit den neuen Publikumslieblingen Alain Sutter und Harry Decheiver wird der Abstieg verhindert. Doch hinter den Kulissen brodelt es bereits gewaltig.

Die Bombe platzt die Saison darauf. Die Mannschaft wird zwar mit weiteren gestandenen 1. Liga Spielern, u.a. Sternkopf und Frey aus München, verstärkt, findet aber nie richtig zusammen. Nach der Winterpause trennt sich Finke von Sutter und Decheiver und zum ersten Mal ist die Volksseele in Freiburg am Kochen. Im beschaulichen Freiburg ist die Hölle los. Als der Abstieg fest steht, und bekannt wird dass der Großteil der Mannschaft keine neuen Verträge für die 2. Liga bekommt, richten sich zum ersten Mal die Stimmen gegen Volker Finke. Aus den Bereichen der Haupttribüne wird eine nie da gewesene Schmutzlawine (BILD: „Der Trainer und die Spielerfrauen“) losgetreten und auf den Tribünen im Dreisamstadion werden Banner und Transparente gezeigt, dass man lieber Jörg Schmadtke und Maxi Heidenreich behalten will, als Volker Finke. Aus heutiger Sicht könnte man sagen es sind die ersten Vorboten der Ultrà-Szene in Freiburg, auch wenn sich diese Aktionen nicht von irgendwelchen späteren Ultrà-Gruppen auf die Fahnen geschrieben wurden.

Der wiederholte Erfolg soll jedoch Volker Finke recht geben. Die neue Mannschaft, getrieben durch die Tunesien- Georgien- Achse findet schnell zusammen und in die Herzen der Fans. Am Ende steht der direkte Wiederaufstieg in die Bundesliga.

Die Szene ist in dieser Saison langsam im Umbruch. Es gibt die ersten Schritte der Ultras Freiburg, damals „Promillos“, die allerdings von Anfang an einen schweren Stand bei der übrigen Fanszene haben. Nach einer Zündelei beim Pokalspiel in Saarbrücken erfolgt der Ausschluss der Gruppe aus dem Kreis der offiziellen Fanclubs. So müssen notgedrungen erste Busse in Eigenregie organisiert werden.

In jener Saison bleibt ein Spiel an einem Montagabend auf St. Pauli in Erinnerung. Freiburg verliert, wie in dieser Saison eigentlich immer, das Live- Spiel beim Münchener Sportsender. Das Moderatorenpult ist an diesem Abend direkt in einem Käfig zwischen Gästeblock und Heimfans, über dem Spielereingang am Millerntor, aufgebaut. Nach dem Spiel tobt der Mob auf beiden Seiten und Dieter Nikkles ist ein Interview mit den Herren Finke und Kautzun kaum möglich. Während Eckart Krautzun die seinen zu beruhigen versucht, gibt VF noch weiter Feuer, er verstehe auch nicht, was diese dauernden Spiele am Montagabend sollen. Vor laufender Kamera noch eine Watsche fürs TV. Das ist noch der „Alte“ – unser –  Volker Finke.

Jahre später wird er zu den Fans den Zaun kommen und sagen, dass die Fans die Störung des Programmablaufs doch bitte unterlassen sollen, da das a) ein schlechtes Bild auf den Verein in der Öffentlichkeit werfen würde und b) der Verein die Gelder aus den Fernsehübertragungen nötig hätte.

Gelder, die unter anderem dazu verwendet werden, die alte Gegengerade in Sitzplätze umzuwandeln und den gemeinen Fan auf die neue Nordtribüne umzusiedeln. Für die Stimmung im Stadion sollte sich dieser Umbau als das schlechteste, was der Szene passieren kann, herausstellen. Die Nord kommt stimmungsmäßig lange nicht an die Gegengrade ran. Viele Fans, die die ersten Bundesliga Jahre noch aktiv mitgestaltet haben, sind mittlerweile in die Jahre gekommen und verzichteten auf einen Stehplatz auf Nord.

Die Tribüne wird zur Low- Cost Area, auf der sich seither Woche für Woche die Kundschaft einfindet, die sich entweder keinen Sitzplatz leisten kann oder, weil man ja „Fan“ ist, da stehen will, wo die Stimmung ist. Die Fangemeinschaft schafft es nicht   sich für einen abgetrennten Mittelblock (Fanblock) stark zu machen und der Verein beharrt darauf, dass er seine eigenen Zuschauer nicht durch Zäune selektieren will.

Und nicht nur das Stadion wird standesgemäß Erstliga tauglich gemacht. Mit Andreas Rettig wird ein Manager installiert, der zwar Professionalität nach Freiburg bringt, der jedoch die Fans aus ganz nüchternden Gesichtspunkten sieht. Die Fangemeinschaft bekommt ein Fanhaus, wohl u.a. auch dafür, sich zuvor bei den Umbaumaßnahmen mit Aktionen und Kommentaren vornehm zurückgehalten zu haben, in der Ultrà Szene hingegen werden erste Stadionverbote für eine Zündelei bei einem Spiel der Amateure in der Oberliga verteilt.

Die kleine Szene – zu dieser Zeit unter dem Label „Ultras United – kann die Verbote nicht überstehen und zerbricht, was weitestgehend damit zusammenhängt, dass die Ultras der ersten und zweiten Generation hingegen des Gruppen- Namens nicht als Einheit auftreten.

Das neue Ultras Freiburg wird (natürlich) geboren…  Der Name ist eine Persiflage, die bis heute nur die wenigsten verstehen.

Die neuen finden schnell ihren eigenen Way und Stil, werden aber sowohl von der übrigen Fanszene als auch von den Vorgänger- Gruppierungen anfangs weitestgehend belächelt. Niemand rechnet damit, dass sich aus dieser Hand voll Leute – aus einer Gruppe die von drei Leuten in einem Opel Astra auf dem Weg zum Auswärtsspiel nach München gegründet wurde – zum ersten Mal eine beständige Ultrà- Gruppe in Freiburg entwickelt, die sich trotz aller Diffamierungen und Repressalien nicht unterkriegen lassen wird.

Der SC hält die Klasse. Die große Euphorie vergangener Tage ist jedoch  längst dem Alltagsgefühl „Bundesliga“ gewichen. Der Verein trägt dazu bei. Während frühere Saisonabschlüsse noch gemeinsam von Fans und Spielern zelebriert wurden, wird der UEFA Cup Einzug im Sommer 2001 von den Spielern mit Champanger Duschen auf dem Rasen allein gefeiert, weit abseits der Fans.

In der Fanszene kommt es dennoch nochmal zu einem Aufschwung. Ultras und  Fangemeinschaft finden sich zu einer „Zweckgemeinschaft“ zusammen. Dort erkennt man einerseits, dass der SC trotz Rekurrieren der Floskel „vom andern Verein“ längst ein Verein wie jeder andere ist, andererseits weder mit der in die Jahre gekommenen Euphorie- Generation vergangener Jahre, noch mit der Erfolgs- Kundschaft „UEFA-Cup“ Großes zu erreichen ist.

Getragen von den internationalen Auftritten –  der Fahrt am 11. September 2001 nach Pùchov in die slowakische Provinz, zum Heimspiel ins 120 km entfernte Zürich gegen St. Gallen und der legendären Sonderzugfahrt nach Rotterdam – entwickelt sich eine neue, nicht für möglich gehaltenes Szenegefühl.

Die Gralshüter der Freiburger Fankultur stören sich jedoch an den neuen Ideologien und den neuen Wegen „Fan sein“ zu leben. In vielen Köpfen lebt der Glaube, ohne die Ultras käme die Unbeschwertheit, die Atmosphäre, der ersten Bundesliga- Jahre – der andere Verein –  zurück.

Immer wieder kommt es zu Problemkreisen und runden Tischen, endlosen Diskussionen um Belanglosigkeiten – Probleme, die jeder andere Bundesligaverein liebend gern hätte. Der Verein und auch Volker Finke ergreifen dabei eindeutige Partei. Choreografien erinnern an das kommunistische, gleichgeschaltete System in Nord-Korea und sind zum anderen mit dem Öko-Image des Vereins nicht vereinbar, die Musik in den NBU-Bussen – einer zwischenzeitlich aufgelösten Band aus Frankfurt – und Doppelhalter mit Abwandlungen des Reichsadlers – oder des SC Greifes (wie mans sehen will) – sprechen für latente neofaschistische Tendenzen der Szene.  Einem Vorwurf dem  die Szene immer wieder gegenüber steht, der jedoch in keinster Weise fundiert ist.

Im Jahr der UEFA- Cup Teilnahme steigt der SC zum zweiten Mal aus der Bundesliga ab, um zum zweiten Mal den direkten Wiederaufstieg zu schaffen. Die Zweitliga- Saison wird mit zum stärksten Jahr der NBU. Eigene Busse zu jedem Spiel, eigenes Fanzine und Block-Flyer und steigende Mitgliederzahlen erzeugen Gegenwind.

Im Verhältnis zum Verein, insbesondere zu den Herren Finke und dem neuen Pressesprecher Martin Braun verhärten sich zunehmend die Fronten.

Freiburg gelingt der Aufstieg, rein nüchternd die Tabelle betrachtet überzeugend, jedoch ohne große Emotionen zu wecken. Längst steht eine Mannschaft auf dem Feld, mit der sich ein Großteil der Fans nicht mehr identifizieren kann. Die Gräben in der Fanszene werden tiefer.

Freiburg gelingt einmal der Klassenerhalt, ohne einen einzigen Auswärtssieg und ohne die angestrebte 40- Punkte Marke zu erreichen. Beim Verein geht man dazu über den Klassenerhalt auf die eigenen Fahnen, statt dem Unvermögen der anderen Mannschaften zuschreiben. Kritische Stimmen aus der Fanszene werden abgetan.

Die Saison 2004/2005 wird zu einem nie da gewesenen sportlichen Desaster. Freiburg wird der schlechteste Absteiger seit Einführung der 3- Punkte Regel. Die Stimmen gegen Volker Finke werden unüberhörbar. Als es im Oktober beim  Heimspiel gegen Hertha BSC zu ersten „Finke raus“ Rufen im mittlerweile obligatorisch umbenannten Dreisamstadion kommt, spielen sich tumultartige Szenen ab. Flaschen und Becher fliegen von der rechten Tribünen Seite, wo die langjährigen Ultrà- Gegner und Finke-Befürworter stehen, in Richtung Nord Mitte. Der Verein wird in seinem Stadionmagazin schreiben, dass sich zum ersten Mal in einem Stadion die „Fans“ lautstark gegen die Ultras gewandt haben.

Doch der Trend ist nicht mehr zu stoppen. Die Stimmung im Stadion kippt langsam, aber beständig gegen den langjährigen Trainer. Volker Finke selbst verhält sich störrisch und unnahbar. Er selbst ist mittlerweile zu einer Figur geworden, gegenüber der er sich vor Jahren noch renitent verhalten hätte. Die Rufe gegen seine Person werden vom Verein in der Öffentlichkeit als von einer „kleinen, unbedeutenden Gruppe“ abgetan.

Eine kleine Gruppe, die jedoch immer mehr beschnitten und bekämpft wird: Fanhaus-Verbot, Megaphon-Verbot, Choreo-Verbot. Die Repression drängt die NBU zum ersten Mal seit ihrem Bestehen von ihrem Weg ab – anders zu sein als andere. Sie wird zur 0815-Ultra-Crew: Provokation und Scharmützel bei jedem Spiel gipfeln schließlich an einer Raststätte in Baden Baden – irgendwann im Februar 2006.

Die logische Schlussfolgerung heißt Stadionverbot.

Was zweifellos und unmissverständlich für viele, wenn nicht für Alle im Umfeld der Gruppe das Ende der NBU bedeuten würde, wurde hingegen für die Gruppierung selbst zu ihrer größten Chance. Die Chance ein nie da gewesenes und unreichbares Gruppengefühl zu entwickeln, Solidarität und Zusammenhalt nicht nur zu reden sondern zu leben, und genügend Zeit sich selbst, seine Szene und die Ultrakultur völlig neu zu überdenken und zu definieren. Im Gegensatz zur ersten Stadionverbotswelle – sechs Jahre zuvor – würde sich diesmal keiner aus der Verantwortung stehlen und die Ultrà Szene gestärkt hervor gehen.

Während die NBU im Stadion nicht einmal mehr mit einer Handvoll Leuten präsent ist, kommt es dort immer mehr zur Glaubensfrage zwischen Finke Befürwortern und Gegnern. Nachdem der Verein die Entlassung des Trainers zum Saisonende 2007 bekannt gegeben hat, forciert eine Gruppe von Unterstützern einen nie da gewesen Personenkult. Haben noch im Dezember 2006 nahezu das ganze Stadion nach der 0-4 Derby Niederlage gegen Karlsruhe die Entlassung Finkes gefordert, wurden – gepuscht durch eine fulminante Rückrunde – wieder alle zu Finke. Weder die Fangemeinschaft, noch die Nachwuchsgruppierung „Wilde Jungs“ wollen oder können hier konträre Akzente setzten. Der Verein zeigt sich unterdessen in einem unwürdigen Zustand: Vielleicht doch mit Finke weiter machen oder mit seinem Co-Trainer als Nachfolger?

Die durch „Wir sind Finke“ angestrebte außerordentliche Mitgliederversammlung, durch die der Vorstandbeschluss rückgängig gemacht werden soll scheitert am Ende dennoch. Nahezu ein Drittel der abgegebenen Stimmen ist ungültig. Bis heute ist der Vorgang nebulös. Für die einen hat der SC hier nicht sauber gearbeitet, für die anderen hat sich die WSF („Wir sind Finke“) unlauterer Mittel bedient. Warum der Antrag auf außerordentliche Mitgliederversammlung wirklich gescheitert ist und Volker Finke im Sommer 2007 seinen Hut nehmen musste? Manche werden es nie erfahren.

Kurz nach Volker Finke müssen auch sein Manager Andreas Bornemann und sein Presssprecher und Fanbeauftragter Martin Braun den Verein verlassen. Der Verein nimmt dennoch sportlich eine positive Entwicklung und die Versenkung des Vereins in die Niederungen des Fußballs – auch ohne Volker Finke – bleibt aus.

Die NBU sitzt ihr Stadionverbot währenddessen bis 2009 aus. Der Versuch durch Fanbeauftragten und Verein die Gruppe zu spalten – indem einem Teil der Gruppe Amnestie angeboten wird – scheitert. Sämtliche Konsequenzen – strafrechtlicher und zivilrechtlicher Art – werden getragen.

Sommer 2009 – die NBU kehrt nach 1200 Tagen zurück. Die, die die NBU nur aus heroischen Schilderungen und Erzählungen gekannt haben – und sich doch so sehr auf ihre Rückkehr gefreut haben – werden bitterlich enttäuscht und gehen vorsichtig  aber  bestimmt auf Abstand, denn diese „neue“ NBU entspricht so rein gar nicht dem Werteverständnis der modernen Ultra-Kultur.